Ernährung und Blutzucker – Low Carb und No Carb

Mein erster richtiger Beitrag im neuen Blog beschäftigt sich mit einem Thema, dass zur Zeit brandaktuell ist. An allen Ecken und Enden hört man davon. Jetzt komme ich auch noch damit um die Ecke. Low Carb oder noch weniger als Low Carb. Bloggerin Antje postet immer wieder mal über Low Carb und sie war es auch, die mich vor einiger Zeit mit ihren Beiträgen dazu animierte mir das Thema einmal näher anzuschauen.

Natürlich gab es auch Gründe meinerseits, sonst hätte ich mich wahrscheinlich nicht intensiv damit beschäftigt. Der Hauptgrund war, dass ich, seit ich Insulin spritzen muss, immer mit postprandialen Blutzuckerspitzen zu kämpfen habe, egal was ich auch dagegen unternommen habe. Ausgiebige Experimente mit Spritz-Ess-Abständen, Bolusfaktoren, glykämischem Index, Vollkornprodukte. Die Ergebnisse waren dürftig. Meistens stieg mein BZ nach dem Essen auf Werte über 250mg/dl und verharrte dort längere Zeit. Eine Erhöhung des Bolus endete meistens mit einem Überschwingen in den Hypobereich.

Vor kurzem habe ich zwar noch den Verzehr von Vollkornbrot empfohlen, weil ich im ersten Vierteljahr 2015 fast ausschließlich solches gegessen habe und im Vergleich zu „normalem“ Brot auch positive Einflüsse hatte. Leider waren diese Ergebnisse aber nicht immer reproduzierbar, so dass mich das auf Dauer eigentlich nicht wirklich zufrieden gestellt hat. Der zweite Grund war die Suche nach einer Lösung für meine Gewichtskontrolle. Bis man damals wusste, dass ich ein Typ 1 Diabetiker bin, hatte ich mehr oder weniger unkontrolliert 32kg an Gewicht verloren. Dass ich davon nach Stabilisierung meines Stoffwechsels und Wiederherstellung der Gleichgewichte in meinem Körper wieder etwas zurückgewinnen würde war auch klar. Trotz aller Maßnahmen wie Züruckhaltung beim Essen und viel Sport legte ich langsam aber sicher ein Kilo nach dem anderen zu. Ich musste also etwas dagegen unternehmen. Aber was ? Das Essen hatte ich doch schon „rationiert“ und Sport habe ich auch regelmäßig und intensiv gemacht .

Da bekannt ist, dass Insulin den Fettabbau ver- oder behindert, habe ich zunächst die kleinen Zwischenmahlzeiten zwischen meinem Frühstück um 5:30 Uhr und dem Mittagessen gegen 12:30 Uhr sowie zwischen dem Mittagessen und dem Abendessen gegen 19:00 Uhr weggelassen. Das hat das Problem zwar nicht gelöst, in dieser Zeit konnte aber zumindest mein BZ Spiegel und auch mein Insulinspiegel für einige Stunden im normnahen Bereich verharren, was ganz bestimmt nicht schädlich für mich war. Allerdings habe ich in diesen Stunden doch ganz schön Kohldampf geschoben. Nun habe ich mich daran erinnert, dass die Sättigung bei Low Carb angeblich länger anhalten soll.

Also habe ich einen Low Carb Versuch gemacht. Diesen Versuch habe ich gestartet, als ich mit einem Kollegen, der auch unbedingt „etwas tun musste“ an unserem Hauptfirmensitz in Italien war. Gerade bei den Dienstreisen in Italien hatte ich immer Schwierigkeiten den Bolus richtig zu schätzen. Am Ende der Low Carb Woche konnte ich Blutzuckerverläufe vorweisen, wie ich sie selten zuvor dauerhaft hatte und musste auch keinen Kohldampf schieben. Das war ein Ergebnis, dass ich in solcher Deutlichkeit nicht erwartet hatte. Zudem war mein Gewicht leicht gesunken. Kontrolliert habe ich die BZ Verläufe mit meinem Dexcom CGMS, dass ich seit Februar trage und das mir seitdem alle „Schandtaten“ in Bezug auf Ernährung und Insulin gnadenlos offen legt.

Angespornt durch die Ergebnisse habe ich einfach weitergemacht mit Low Carb. Zunächst nach den Empfehlungen der Logi Methode, die in meinen Augen sehr praktikabel ist, weil sie die KH sehr moderat reduziert.

Leider ist in dieser Zeit ein Familienmitglied an Krebs erkrankt, so dass es sich ergeben hat, dass ich mich interessehalber näher mit der Ernährung bei Krebs beschäftigt habe. So habe ich Informationen über ketogene Ernährung gefunden, die ich hoch interessant fand. Vor allem was die Leute, die sich derart ernährten, an Erfahrungen darüber mitteilten. Es ging plötzlich nicht nur um Krebspatienten sondern unter anderem auch um Diabetiker und Ausdauersportler, die sich nahezu kohlenhydratfrei ernährt haben. Das Thema fand ich so faszinierend, dass ich kurzerhand beschlossen habe, das auszuprobieren.

Zu diesem Thema gibt es verschiedene Methoden. Diejenige die ich ins Auge gefasst habe, nennt sich LCHF, zu „neudeutsch“ Low Carb, High Fat (www.LCHF.de) und stammt aus Schweden. Ich habe mich allerdings zunächst darauf beschränkt, an den 5 Arbeitstagen LCHF zu machen und am Wochenende die Logi Methode anzuwenden. Das führt zwar nicht ganz zum optimalen Ergebnis, aber für den Blutzucker war es dennoch sehr gut und für den Gewinn neuer Erkenntnisse allemal. Das eigentliche Ziel von LCHF ist es, den Stoffwechsel in eine ketogene Phase zu bringen, was wahrscheinlich nicht der Fall ist, wenn man die KH Menge verzehrt, die bei Logi erlaubt ist.

Wer sich nun näher mit LCHF beschäftigt und die allseits bekannten Ernährungsempfehlungen im Ohr hat, der wird natürlich zunächst zusammenzucken. Wird doch der Energieanteil, der bisher über Kohlenhydrate eingenommen wurde bis auf wenige Prozente durch geeignete Fette ersetzt.

Um Gottes Willen, das ist doch ungesund. Nee, ist es offensichtlich nicht. Nur scheint das Ernährungsestablishment uns das so noch nicht eingestehen zu wollen, hat man doch jahrzehntelang das Gegenteil gepredigt. Mit dem Ergebnis, dass die Bevölkerung immer übergewichtiger wurde. Darauf möchte ich an dieser Stelle aber nicht näher eingehen sondern auf einen Vortrag der Ernährungswissenschaftlerin Ulrike Gonder bei Youtube verweisen. Mehr Fett !

Für mich entscheidend waren die Ergebnisse die ich damit erzielt habe. Ich bin für mich von einem täglichen Energiebedarf von 2000kcal ausgegangen, was nach den Empfehlungen von LCHF folgende Makronährstoffverteilung ergibt : Pro Tag nehme ich ca. 20g Kohlenhydrate, 80g Protein und 180g Fett zu mir. Ja, klingt unglaublich. Wichtig ist aber, dass auch viel Gemüse gegessen wird. Der Eiweißanteil ist sogar niedriger als von der DGE empfohlen, dafür ist der Fettanteil ungewohnt hoch und es ist ehrlich gesagt gar nicht so einfach, soviel Fett zu essen. Da Fett ein Geschmacksträger ist, fallen die Mahlzeiten allesamt sehr schmackhaft aus.

Was aber noch wichtiger ist, es macht sehr lange satt. Natürlich macht es auch etwas mehr Mühe, weil man fast alles frisch zubereitet und natürlich auch die Vorratshaltung angepasst werden muss. Sehr deutlich wird dabei auch, wie sehr unsere Gesellschaft auf den Konsum von Kohlenhydraten getrimmt ist. Während man die Ernährung zu Hause leicht selbst gestalten kann und man im Restaurant bei der Bestellung ein paar Sonderwünsche äußert bzw. die „Sättigungsbeilage“ weglässt, wird es recht schwierig geeignetes Essen zu finden, wenn man unterwegs mal auf die Schnelle etwas im Vorbeigehen essen möchte, also Imbiss oder so. Da gibt es fast nichts ohne Kohlenhydrate. Letztlich hat der Versuch mir aber gezeigt, dass das alles machbar ist, wenn man sich nur darauf einlässt und die Sache positiv angeht. So undenkbar es vorher war auf die geliebte Pasta oder ab und zu mal ne Pizza oder andere heißgeliebte KH Speisen zu verzichten, so überraschend war die Erkenntnis, dass ich selbst nach Wochen noch nichts davon wirklich so vermisst habe, dass mir das irgendwie Probleme bereitet hätte. Mein Süßhunger ist komplett verschwunden und wo ich vor einiger Zeit ständig das Gefühl hatte, ich müsse etwas Süßes naschen, kann ich mich heute inmitten einer Gruppe Eis oder Schokolade genießender Menschen aufhalten ohne das Gefühl zu haben dass ich das auch bräuchte.

Was aber absolut entscheidend ist, meine Blutzuckerverläufe haben sich enorm gebessert. Mein letzter HbA1c war 6,1% und das nicht etwa weil ich den mit Hypos getunt habe. Die Blutzuckerkurve bewegt sich bis auf wenige Ausnahmen fast ausschließlich in meinem Zielbereich, postprandiale Spitzen gibt es nicht mehr, Hypos auch kaum noch. Und wenn es Hypos oder besser gesagt Abweichungen nach unten gibt, dann fallen diese so zahm aus, dass ich sie durch die Einnahme einzelner Gummibärchen ganz kontrolliert auf den Zielwert zurückbiegen kann. Die Alarme meines CGMS bekomme ich gar nicht mehr zu hören.
Ich habe also nicht nur bessere Werte nach oben sondern auch deutlich mehr Sicherheit und Stabilität nach unten. Die Standardabweichung und damit die Schwankung meiner Werte hat sich ganz drastisch gebessert. Das alles führt auch dazu, dass ich keine Resistenzphasen mehr habe, die durch lange Phasen im hohen Wertebereich entstanden sind. Insgesamt hat sich dadurch mein Insulinverbrauch etwas reduziert bzw. meine Insulinempfindlichkeit etwas erhöht. Man darf allerdings nicht erwarten, dass der Insulinbedarf beim weitgehenden Verzicht auf KH drastisch zurückgeht. Auch für Fett und insbesondere Eiweiß wird Insulin benötigt. Darauf gehe ich in einem späteren Posting ein.

Was aber auch noch wichtig ist, ich habe absolut nicht das Gefühl, dass ich auf etwas verzichte. Manch einer mag vielleicht annehmen, dass so viel Fett in der Nahrung eklig ist. Ist es aber nicht. Das Essen schmeckt echt gut, denn Fett ist ein Geschmacksträger. Ich glaube es ist eine Kopfsache, dass wir uns mit so einer Ernährung unter Umständen etwas schwerer tun. Wir sind seit Jahrzehnten darauf getrimmt worden Fett zu meiden.

Erfahrene LCHFler bestätigen übrigens dass ihre Blutwerte, insbesondere die Blutfettwerte sich deutlich gebessert haben, seit sie sich nach LCHF ernähren. Eigentlich sollte nach konventioneller Lehrmeinung das Gegenteil der Fall sein. Es mag Diabetiker geben, die ihren Blutzuckerverlauf mit den herkömmlichen und in der Diabetologischen Ernährungsberatung empfohlenen Methoden gut in den Griff bekommen. Bei mir hat das bisher trotz aller Anstrengungen nicht zufriedenstellend und reproduzierbar funktioniert. Die Empfehlung von Vollkornprodukten wird zumindest in meinem Falle, gemessen an den Ergebnissen die ich mit KH reduzierter Ernährung erreiche, vollkommen überbewertet. Deshalb bleibt eine KH reduzierte Ernährungsform für mich momentan das Mittel der Wahl um die angesprochenen Probleme in den Griff zu bekommen. Möglicherweise ist das ja auch ein Ansatz für andere Diabetiker. Ein Versuch wäre es zumindest Wert.

3 Kommentare

  1. Hat dies auf Süß, happy und fit! rebloggt und kommentierte:
    Das freut mich ja, dass ich Stefan mit meinen Blogbeiträgen zum Thema LOGI ein bisschen zum Experimentieren mit weniger Kohlenhydraten inspirieren konnte. Und wie ich lese, funktioniert es bei ihm sehr gut. Inzwischen ist Stefan bei LCHF (Low Carb High Fat) angelangt – doch lest ganz einfach selbst…

  2. Ein interessanter Ansatz – doch wie reagiert der Körper bei Sport, ist es denn überhaupt möglich, ohne KH-Zufuhr regelmäßig Sport zu machen, ohne eine Hypo zu bekommen?

  3. Hallo Martin,

    es ist in der Tat ein sehr interessanter Ansatz. Bei meinen Recherchen habe ich einen Sportler gefunden (http://lowcarb-ketogen.de/team/joerg-kiel/), der sich konsequent ketogen ernährt und selbst Ultraläufe von 125km Länge ohne Einnahme von KH absolviert. Allerdings ist er kein Diabetiker. Es ist schwierig, jemanden zu finden, der mit beidem so konsequente Erfahrungen hat. Soweit ich weiß, gibt es im IDAA Forum einzelne Sportler, die das so machen, habe ich mich aber noch nicht näher mit beschäftigen können.

    Ich selbst fahre bis jetzt gar nicht konsequent auf der ketogenen Linie sondern mit einem Mix aus Low Carb und LCHF bzw. kein striktes LCHF.
    Beim Sport habe ich es bisher so gehandhabt, dass ich vorab wie gewohnt meine Basalrate reduziert habe und wenn mein BZ für den Sport zu niedrig war, habe ich ihn mit KH angehoben.

    Das ist sicher nicht im Sinne von LCHF, dessen Grundidee nicht auf insulinpflichtige Diabetiker gemünzt war. Der Diabetes ist auch nicht in meinem Sinne und ich muss irgendwie damit klarkommen und muss lernen, wie man beides miteinander kombinieren kann, auch wenn das dann nicht der „reinen Lehre“ entspricht. Aber mit etwas Erfahrung kann man das ganz bestimmt optimieren und das ist auch der Grund, warum ich meine Erfahrungen hier mitteile.
    Diese Art der Ernährung passt bestimmt nicht zu jedem und man muss dafür auch eine gewisse Motivation aufbringen. Vielleicht erreiche ich hiermit den einen oder anderen, der das für sich als hilfreiche Methode entdeckt und seinen Diabetes damit etwas besser in den Griff bekommt.
    Bei mir sind die Auswirkungen so signifikant, dass das für mich ausreichend Motivation bedeutet damit weiterzumachen.

    LG Stefan

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